II.3. Vor dem Stundenbuch: Der Psalter und andere Gebetbücher
Keine Buchgattung verdeutlicht die Verbreitung von Andachtsbildern so gut wie das Stundenbuch.
Keine Buchgattung verdeutlicht die Verbreitung von Andachtsbildern so gut wie das Stundenbuch.
Teils hochgradig personalisiert, teils nicht minder standardisiert, verdient die Gattung ihren Namen als "Bestseller" des Spätmittelalters. Das Gebet brauchte jedoch keine Bilder als Begleitung. Während des größten Teils des ersten christlichen Jahrtausends blieben die Gebetbücher unillustriert. Die Geschichte des illustrierten Gebetbuchs ist somit zugleich eine Geschichte der Entwicklung der Einstellung zum Visuellen und zur Visualisierung.
Der wichtigste Präzedenzfall für das Stundenbuch war der hebräische Psalter in seiner lateinischen Vulgata-Übersetzung (eine von mehreren solchen Übersetzungen, die im Mittelalter in Umlauf waren). Obwohl die mittelalterliche Psalterillustration bis in die Karolingerzeit (d. h. das achte und neunte Jahrhundert) zurückreicht, erlebte sie ihre erste große Blütezeit im Hochmittelalter. Viele der frühesten illustrierten Exemplare wurden für Frauen angefertigt, entweder für Nonnen oder für fromme adlige Damen (Kat. Nr. 95). Ab dem späten elften, aber zunehmend auch im zwölften Jahrhundert erhielten Psalter, ob für den klösterlichen oder den weltlichen Gebrauch, manchmal lange einleitende Zyklen mit Bildern aus dem Alten und Neuen Testament (Kat. Nr. 97). In den aufwändigsten Beispielen konnten solche Zyklen einhundert oder mehr Bilder umfassen. Nur in seltenen Fällen erhielt jeder Psalm eine eigene Illustration, meist in Form einer kleinen Initiale. Weitaus üblicher war die Verteilung der narrativen Szenen auf die liturgischen Abteilungen der Psalmen (in nichtklösterlichen Kirchen die Psalmen 1, 26, 38, 52, 68, 80, 97 und 109), die die im Offizium an verschiedenen Wochentagen gesungenen Sätze festlegten, so dass alle 150 Psalmen im Verlauf des Offiziums aufgeführt wurden (Kat. Nr. 96, 98). In anderen Psaltern sind die Psalmen in drei Gruppen zu je fünfzig Psalmen unterteilt (Psalmen 1, 51, 101). Eine Kombination der beiden Schemata führte zu einer zehnfachen Unterteilung, wodurch sich die Zahl der Veranschaulichungsmöglichkeiten erhöhte.
Neben der Verwandlung des Psalters in ein christliches Buch (wobei beispielsweise das Leben Davids eine typologische Vorwegnahme des Lebens Christi darstellt) boten die Präfationszyklen umfangreiche Bildabschnitte, die, abgesehen von den Bildunterschriften, völlig textfrei waren. Die volkssprachlichen Bildunterschriften können, müssen aber nicht, auf die Laienleserschaft hinweisen. In einigen Psaltern wurde das Thema David als Verfasser der Psalmen und Typus Christi noch weiter ausgearbeitet, um die allegorische Auslegung der Psalmen zu unterstreichen (Kat. Nr. 99).
Außerhalb Frankreichs, der Niederlande und, in geringerem Maße, Englands und Italiens verdrängten der Psalter und später das Stundenbuch nie ganz eine ältere und oft flexiblere Form des Gebetbuchs, das einfach als liber precum (oder Gebetbuch) bezeichnet wurde. Dieser Typus des Andachtsbuchs, der seine Ursprünge in der Karolingerzeit hat, blieb vor allem in Deutschland beliebt, wo im 15. Jahrhundert zahlreiche Exemplare mit Drucken und Zeichnungen illustriert wurden, die teils eingeklebt (Kat. Nr. 70, 72), teils direkt auf das Pergament oder Papier gedruckt waren.
In welcher Form auch immer, bieten illustrierte Gebetbücher einen außergewöhnlichen Einblick in das Zusammenspiel von Text und Bild, Bild und Vorstellung und nicht zuletzt in das heikle Zusammenspiel von religiöser Subjektivität und pastoraler Disziplin.